24.10.2017 - 5. Fachveranstaltung des Netzwerks Gewässerfreunde Niedersachsen "Entstehung, Biologie und Bewirtschaftung von eiszeitlich geprägten Fließgewässern am Beispiel der Bäche im Artland“


Referenzgewässer für die Bäche im Artland

Nah dran an der Praxis: Veranstaltung im Maschinenraum des UHV 97 "Mittlere Hase"

Zeit für fachliche Gespräche und Netzwerken in der Pause

Exkursionsziel Nr. 1: Gewässerkoordinator Jürgen Herpin erklärt die Maßnahme am Fleckenbach

Georg Lucks, Geschäftsführer des UHV 97 "Mittlere Hase", im Gewässer vor den interessierten Teilnehmern

Älterer Totholzeinbau des UHVs

Der Einladung des offenen Netzwerks Gewässerfreunde Niedersachsen folgten am 24.10.2017 über 30 Interessierte aus Haupt- und Ehrenamt in die Räumlichkeiten des Unterhaltungsverbands 97 „Mittlere Hase“ nach Bersenbrück, um sich über die Fließgewässer des Artlandes zu informieren und sich auszutauschen. Unter dem Titel „Entstehung, Biologie und Bewirtschaftung von eiszeitlich geprägten Fließgewässern am Beispiel der Bäche im Artland“ wurde in 5 Fachvorträgen ein breiter Bogen gespannt, der die Besonderheiten dieser regionalen Gewässer und deren Entstehung beleuchtete und sich darüber hinaus den vielfältigen Anforderungen der Gewässer in der heutigen Zeit widmete. Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Katrin Flasche, Geschäftsführerin der Kommunalen Umwelt-AktioN U.A.N..

Im ersten Vortrag des Tages referierte Timo Kluttig vom Naturpark Terra Vita über die „Geologie und Entstehung eiszeitlich geprägter Fließgewässer am Beispiel der Bäche im Artland“. Die große Breite an Landschaftstypen in der Region des Artlandes erklärt sich durch die besondere Lage im Übergang zwischen Mittelgebirge und dem Norddeutschen Tiefland, so Herr Kluttig. Neben regionalen tektonischen Faltungen, die im Laufe der Jahrmillionen wieder abgetragen wurden, sind es insbesondere die Auswirkungen der Saalekaltzeit, die die Region prägen. In der Saalekaltzeit (vor ca. 200.000 Jahren) endete an der Stelle des Artlandes der Gletscherschild, so dass es zur Entstehung von Endmoränen kam. Über Jahrtausende hinweg lieferte der Gletscher wie ein Fließband mitgerissenes Boden- und Gesteinsmaterial an, da Schmelze und Vorwärtsbewegung des Gletschers über einen sehr langen Zeitraum ein Gleichgewicht bildeten. Dies führte zu einer heterogenen Bodenzusammensetzung in den Ankumer Höhen und den Dammer Bergen, in denen die Quellbäche des Artlandes ihren Ursprung haben. Unter dem Druck des Eises wurden außerdem präeiszeitliche Tone in die Endmoräne eingeschoben, wodurch weitere Quellhorizonte entstanden. Daher weisen die Fließgewässer auch kleinräumig sehr unterschiedliche Sohlzusammensetzungen auf.

Eillen Müller, FFH-Gebietsmanagerin des nördlichen Landkreises Osnabrück, berichtete im Anschluss über die FFH (Flora-Fauna-Habitat)-Gebietskulisse Nr. 53 „Bäche im Artland“. In ihrem Vortrag stellte sie vorweg das dreiwertige Bewertungskonzept der FFH-Lebensraumtypen dar und beschrieb, dass die naturnahen Fließgewässerstrukturen im Artland maßgeblich wertgebend für die aktuelle FFH-Klassifizierung sind. Diese sind Lebensraum für gefährdete Fischarten, die neben dem Hirschkäfer und Kammmolch in Anhang II der FFH-Richtlinie gelistet sind. Insbesondere die Lebensraumtypen Fließgewässer mit flutender Wasservegetation (3260), Erlen- und Eschenwälder an Fließgewässern (91EO) und Feuchte Hochstaudenfluren (G430), die im Artland vorkommen, benötigen für einen günstigen Erhaltungszustand nach FFH-Klassifizierung standortgerechte, heimische Baum- und Pflanzenarten, so Frau Müller. Dieser günstige Erhaltungszustand sei durch die fortschreitende Verbreitung von Neophyten wie u.a. Drüsiges Springkraut, Japanknöterich oder Riesenbärenklau gefährdet. Die FFH-Managerin betonte, dass die Anforderungen der FFH-Richtlinie aufgrund ihrer Zielzustände denen der Wasserrahmenrichtlinie ähneln. Verbesserungsmaßnahmen für Lebensraumtypen bringen auch immer gleichzeitig eine Verbesserung für die FFH-Arten und für die Beurteilung der Gewässer nach WRRL, so Frau Müller. Daher sei ein gemeinsames Vorgehen sinnvoll.

Im dritten Vortrag des Vormittags stellte Georg Lucks, Geschäftsführer des Unterhaltungsverbands 97 „Mittlere Hase“ Wasserwirtschaftliche Aspekte eiszeitlich geprägter Fließgewässer im Artland dar. Nach einer kurzen Vorstellung seines Verbandsgebiets, das von 175 m bis 24 m über NN reicht und mit 638 km Gewässern 2. Ordnung und 700 km 3. Ordnung sowie 17 Wasser- und Bodenverbänden sehr divers und umfangreich ist, beschrieb Herr Lucks die vielfältigen Aufgaben seines Verbandes. Neben der klassischen Gewässerunterhaltung, der eigentlichen Hauptaufgabe des Verbandes, wird auch viel Energie in die ökologische Entwicklung der Verbandsgewässer gesteckt. Sehr anschaulich beschrieb Herr Lucks die hydraulischen Grundlagen der Gewässerunterhaltung und stellte die Vorgehensweise bei der Planung von Unterhaltungsplänen dar. Mit der Herausgabe des Leitfadens zum Thema Artenschutz in diesem Sommer, der den Unterhaltern Rechtssicherheit bei Beachtung garantiert, nehmen der Umfang der Planungsphase und die Ausarbeitung der erforderlichen, jährlichen Unterhaltungspläne erheblich zu, so Herr Lucks. Es komme ein erheblicher Mehraufwand auf den Verband zu, da statt der bisher durchgeführten Vermeidungsstrategie zur Störung der Lebensräume und ihrer Arten nun artenspezifische Unterhaltungspläne aufgestellt werden müssen, die  auf den Monitoringdaten des Landes basieren. Da jedoch nicht für jedes Gewässer und jeden Gewässerabschnitt entsprechende Daten vorliegen, seien nun komplizierte Auswertungen und Abschätzungen notwendig, so Herr Lucks weiter.

Vorstellung geeigneter Maßnahmentypen bei der ökologischen Umgestaltung von Fließgewässern und Auen war der Titel des 4. Vortrags, den Jürgen Herpin, der Gewässerkoordinator des Dachverbandes Hase, vor den Interessierten hielt. Nach einer kurzen Vorstellung des Dachverbandes stellte Herr Herpin die dort vorkommenden Gewässertypen vor und beschrieb die ökologischen Anforderungen nach WRRL und die jeweiligen Leitbilder (Referenzzustände) für die Fließgewässer des Artlandes. Maßnahmen im Profil, im Entwicklungskorridor und in der Sekundäraue seien neben Maßnahmen zur ökologischen Durchgängigkeit in den letzten 2 Jahrzehnten im Bereich des Dachverbands realisiert worden. Der Gewässerkoordinator zeigte anhand von anschaulichen Vorher-Nachher-Vergleichsbildern die Entfernung von Sohlabstürzen, Profileinengungen zur Erhöhung der Strömungsdiversität, Einbau von Hart- und Weichsubstraten und Gewässerverlegungen. Herpin machte deutlich, dass in dieser Kulturlandschaft, in der die Gewässer seit über 800 Jahren an die Bedürfnisse der Menschen angepasst wurden, aufgrund des Flächendrucks häufig die großen Flächen für eigendynamische Auenentwicklungen fehlen. Flurbereinigung, Flächentausch und Flächenpools im Rahmen der Kompensation seien Maßnahmen, um an Flächen zur Fließgewässerentwicklung zu gelangen.

Im letzten Vortrag des Vormittags präsentierte Dr. Katharina Pinz von der  Gewässerallianz Niedersachsen (NLWKN) das Aktionsprogramm  Niedersächsischen Gewässerlandschaften des Landes. Niedersachsen sei mit einer Höhendifferenz von 971 m vom Harz bis zur Küste eines der landschaftlich vielfältigsten Bundesländer. Die Naturräume Bergland, Tiefland und Marschen weisen hier 10 unterschiedliche Gewässertypen auf (nach RASPER 2001) und nach WRRL 21 verschiedene Fließgewässertypen. In ihrem Vortrag zeigte Frau Dr. Pinz, dass in Niedersachsen die Sandgeprägten Tieflandbäche und Kiesgeprägten Tieflandbäche den Großteil der Fließgewässer ausmachen. Wie diese zu entwickeln sind, kann anhand von Referenzgewässern und Leitbildern, die der NLWKN 2017 in der Broschüre Gewässergestalten veröffentlicht hat, nachgelesen werden. Zur Unterstützung der Umsetzung von WRRL, FFH-RL und HWRM-RL soll die integrierte Gewässer- und Auenbewirtschaftung durch das Aktionsprogramm Niedersächsische Gewässerlandschaften unterstützt werden. Die dazugehörige Broschüre mit zusammenfassenden Kulissen, Maßnahmen und Übersichten zum Aktionsprogramm, das kein neues Förderprogramm darstellt, kann beim NLWKN bestellt und heruntergeladen werden.

Nach der Mittagspause ging es unter Führung von Herrn Lucks und Herrn Herpin an 3 renaturierte Gewässerabschnitte am Feldmühlenbach und Nortruper Reitbach, die typische Fließgewässer des Artlandes sind und im Verbandsgebiet des UHVs 57 liegen. Vor Ort wurden die jeweiligen Maßnahmen vorgestellt und deren Entwicklungen besprochen. Die Teilnehmer zeigten großes Interesse an den Maßnahmen und nutzten die Möglichkeit, intensiv zu diskutieren und Planungsansätze nachzuverfolgen.




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